Zum Gedenken an Mehmet Kubaşık, Kundgebung am 6. April 2021

Die Rede haben wir bei der Gedenkkundgebung am 6. April 2021 in Gröpelingen auf der Kundgebung zum Gedenken an Mehmet Kubaşık und Halit Yozgat

Mehmet Kubaşık wurde am 01. Mai 1966 in Hanobası im Süden der Türkei geboren. In seiner Jugend arbeitete er in der Landwirtschaft seines Vaters. Er heiratete seine Jugendliebe Elif. Als Mehmet 20 Jahre alt war kam die gemeinsame Tochter Gamze auf die Welt. Die Familie Kubaşık sind kurdische Aleviten. Als die politische Lage in der Türkei für sie zu bedrohlich wurde flohen sie 1991 nach Deutschland und ersuchten politisches Asyl in Dortmund. Nach einigen Jahren wurde dem Antrag stattgegeben. In Deutschland kamen dann, die zwei weiteren Söhne, Ergün und Mert, zur Welt. In Dortmund arbeitete Mehmet Kubaşık zunächst in einem Großhandel für Obst- und Gemüse und später als Bauarbeiter. Nachdem er einen Schlaganfall überstanden hatte, beschloss er sich selbständig zu machen. Er eröffnete einen Kiosk in der Dortmunder Nordstadt, den er zwei Jahre lang betrieb. Laut seiner Tochter Gamze war der Kiosk zu dieser Zeit der Familienmittelpunkt.

Am 04. April 2006 – also vor genau 15 Jahren – wurde Mehmet Kubaşık, als achtes Mordopfer des selbsternannten NSU, in seinem Kiosk in Dortmund ermordet. Warum die Täter*innen Mehmet Kubaşık ausgewählt hatten ist bis heute nicht geklärt. In die Richtung regionaler Unterstützer*innen des NSU wurde nie ermittelt, obwohl es sehr wahrscheinlich ist, dass es diese gegeben hat. So existiert in Dortmund beispielsweise eine starke Kameradschaftsszene. Und um den Sänger der Band “Oidoxie”, Marko Gottschalk, organisierte sich der deutsche Arm von “Combat 18”, einem europaweiten Netzwerk militanter Neonazis und Terrorist*innen.

Die Familie Kubaşık hatte vor 15 Jahren keine Zeit zu trauern. Am Tag nach dem Tod ihres Vaters und Ehemannes wurden Mert, Ergün, Gamze und Elif von der Polizei abgeholt und stundenlang verhört. Die Polizei verdächtigte Mehmet Kubaşık, kriminell gewesen zu sein. Sie fragte die Familie ob er Feinde hatte; ob er mit jemandem Streit hatte; oder ob er in Drogengeschäfte verwickelt gewesen sei. Dass die Tat ein rassistisches Motiv haben könnte wurde von den Ermittlungsbehörden zurückgewiesen. Nicht nur der Mord, auch die darauf folgenden Ermittlungen waren rassistisch. Gamze Kubaşık erzählt, dass diese schlimme Zeit die Familie kaputt gemacht habe. Jahrelang wurde ihr Vater von Freund*innen und Nachbar*innen verdächtigt. Gamzes Bruder Ergün bekam Probleme in der Schule, weil seine Mitschüler*innen ihn beschimpften und schlecht über seinen Vater redeten.

Die Familie Kubaşık organisierte im Mai 2006 gemeinsam mit der Familie des, zwei Tage später, vom NSU ermordeten Halit Yozgat eine Demonstration in Kassel unter dem Motto “Kein 10. Opfer”, an der mehr als 2.000 Personen teilnahmen. Weder diese, noch der Schweigemarsch einen Monat später, wurden von der Öffentlichkeit wahrgenommen. Mehmet Kubaşıks Frau Elif erzählt über Mehmet, dass er sehr liebevoll und besorgt um seine Familie war. Er sei vernarrt in seine Kinder gewesen und hatte eine sehr enge Bindung zu seiner Tochter. Seine Tochter Gamze erinnert sich an ihn, als einen „aufgeschlossenen, ehrlichen Menschen“. Und sie berichtet, dass ihr Vater alle Menschen akzeptierte. Mehmet Kubaşık wurde nur 39 Jahre alt.

Von der Selbstenttarnung des NSU-Kerntrios am 4. November 2011 erfuhr die Familie über die Medien. Für die Familie war es eine Erleichterung, dass mit dem Auffliegen die Gerüchte um Mehmet Kubaşık widerlegt waren, obwohl sie selbst längst einen rassistischen Hintergrund des Mordes vermutet hatten. Gamze Kubaşık berichtet, dass Angela Merkel sie umarmt und gesagt habe: „Es wird Ihnen gut gehen, und es wird eine Aufklärung da sein.“ Gamze Kubaşık sagt, sie hätte in diesem Moment eine „unbeschreibliche Hoffnung“ gehabt. Eine Hoffnung, auch in den NSU-Prozess, der zwei Jahre später in München begann. Doch ihre Hoffnung wurde enttäuscht. Von Mai 2013 bis Juli 2018 fand der NSU-Prozess vor dem Oberlandesgericht München statt. Die Angehörigen der Ermordeten verließen den Gerichtssaal entsetzt, nachdem die geringen Urteile für die Angeklagten bekannt wurden. Die Tochter von Mehmet Kubaşık beschreibt den Prozess als einen weiteren „Schlag ins Gesicht“. Denn viele Fragen bleiben auch nach Ende des Prozesses offen. Die Familie ist schockiert und wütend über die Fehler bei den Ermittlungen und beim Verfassungsschutz, die seitdem bekannt wurden. Sie wollen wissen warum es bis heute keine richtigen Ermittlungen zu weiteren Helfer*innen gibt und warum ihren Anwält*innen der Zugang zu wichtigen Akten verweigert wird.

Die Familie fordert Gerechtigkeit für ihren Ehemann und Vater. Doch eine echte Gerechtigkeit gibt es vorerst nicht. Diese wird es erst geben, wenn es eine vollständige Aufklärung gegeben hat. Eine “lückenlose Aufklärung” wurde den Betroffenen zwar versprochen, doch das Versprechen wurde nicht gehalten, sagt auch Elif Kubaşık. Dabei sei für sie und ihre Familie Aufklärung von großer Bedeutung gewesen: Sie fragt sich: Warum Mehmet? Warum ein Mord in Dortmund? Gab es Helfer in Dortmund? Sehe ich sie heute noch? Bis heute wurde keine einzige Sicherheitsbehörde, der Fehler im Umgang mit dem Neonazinetzwerk nachgewiesen werden konnten, umgestaltet — der Verfassungsschutz ist hinsichtlich Kompetenzen und Ressourcen sogar seither noch besser ausgestattet worden. Keine*r der Beamt*innen, die nachweislich Akten geschreddert, gelogen oder die Angehörigen der Opfer und die Geschädigten mit unlauteren Verhörmethoden bedrängt haben, sind in irgendeiner Weise zur Rechenschaft gezogen worden.

Mehmet Kubaşık wurde in der Türkei begraben. Zum Gedenken an ihn wurde vor dem früheren Kiosk im September 2012 ein Gedenkstein eingelassen. Im Juli 2013 wurde ein Mahnmal für alle zehn Todesopfer des NSU in der Nähe des Dortmunder Hauptbahnhofs eingeweiht. Anders als bei anderen Gedenkveranstaltungen, wurde die Familie zu dieser eingeladen. Auch die Pläne, einen Platz in der Nähe des ehemaligen Kiosks in “Mehmet Kubaşık-Platz” umzubenennen, haben in enger Zusammenarbeit mit der Familie stattgefunden. Dieser Platz wurde am 22. November 2019 eingeweiht. Bei der Einweihungsrede erklärt Gamze Kubaşık, dass die Existenz des Platzes Mehmet Kubaşık ein Stück zurück nach Dortmund und in die Nordstadt hole. Durch den Platz sollen die Menschen an ihren Vater denken und die Ungerechtigkeit, die ihm und der Familie widerfahren ist, nicht vergessen.

In einem Interview, dass dieses Jahr im März veröffentlicht wurde sagte Gamze Kubaşık: „Ich möchte, dass man meinen Vater niemals vergisst. Dass man einfach weiß, wer Mehmet Kubaşık war, weil das was ihm passiert ist, hätte jedem anderen passieren können.“ Und weiter: „Wir wollen 100%ige Aufklärung, nichts anderes.“

Als Kampagne Kein Schlussstrich fordern wir, dass den Opfern und Angehörigen von rassistischer Gewalt bedingungslos zugehört und ihr Wissen anerkannt wird. Ihre Geschichten gilt es zu hören und zu verstehen. Wir fordern eine lückenlose Aufklärung des NSU-Komplexes, die Aufarbeitung des institutionellen Rassismus in den Sicherheitsbehörden und ein Ende der Leugnung und Verharmlosung rassistischer Gewalt und Rechten Terrors.

Kundgebung in Gedenken an Mehmet Kubaşık und Halit Yozgat

Wir haben heute in Gröpelingen den am 4. April 2006 vom NSU ermordeten Mehmet Kubaşık und am 6. April 2006 vom NSU ermordeten Halit Yozgat unter den strengen Auflagen des Ordnungsamtes gedacht. Wir haben uns sehr über das Interesse der Menschen vor Ort gefreut und danken auch der Initiative in Gedenken an Laye-Alama Condé, der 2005 an den Folgen der Brechmittelfolter durch die Polizei starb.

Am 04. November 2011 enttarnte sich der selbsternannte ‚Nationalsozialistische Untergrund‘ (NSU) selbst. Der NSU ist ein Komplex, der aus dem bekannten Mord-Trio und regionalen Netzwerken aus Unterstützer*innen besteht. Der NSU ermordete zwischen 2000 und 2006 mindestens neun Menschen aus rassistischen Gründen. Mehmet Kubaşık und Halit Yozgat waren die beiden letzten Opfer dieser Mordserie. Mehr Informationen zu den beiden findet in den Redebeiträgen.

Die Hinterbliebenen der Mordopfer wurden durch die Polizei verdächtigt und unmenschlichen Verhörmethoden ausgesetzt. Der NSU verübte auch mindestens drei Sprengstoffanschläge, um möglichst viele migrantische Menschen zu töten. Die Kölner Keupstraße wurde mit einer Nagelbombe angegriffen. Aussagen und Bilder bringen den langjährigen Spitzel des Inlandsgeheimdienstes (Verfassungsschutz) außerdem mit dem Anschlag auf einen Kölner Lebensmittelladen in Verbindung.
Die Getöteten und Überlebenden wurden von der Polizei rassistisch zu Tätern eines phantasierten kriminellen Milieus gemacht. Die Familien wurden in die soziale Isolation gezwungen, manche von ihnen wanderten aus, weil sie den Druck nicht mehr aushielten. Die Polizei aber zerstörte den Ruf der Familien selbst in Gegenden außerhalb Deutschlands, flogen in die Türkei und stellten penetrant Fragen zu angeblich kriminellen Machenschaften der Ermordeten und Hinterbliebenen. Die Ermittlungsgruppen gaben sich Namen wie Soko Halbmond und BAO Bosporus, erzählten von der Blumen-, Türken-, Kurden-, Glücksspiel- oder Drogenmafia und die Gesellschaft machte mit. In den Medien stand etwas von Dönermorden, organisierter Kriminalität, Familienfehden. Nur von Rechtsterrorismus, von Rassismus stand da nichts. Und auch nichts vom Verfassungsschutz, der seit seiner Gründung alles tut, um rechten Terrorismus Kleinzureden, zu leugnen und immer wieder auch zu unterstützen. Über 40 V-Leute waren im NSU Komplex aktiv, fünf davon im engsten Umfeld. Einer davon ließ TerroristInnen des NSU-Trios während deren Mordserie für sich arbeiten. Ein Mitarbeiter des Hessischen Geheimdienstes war beim Mord an Halit Yozgat anwesend.


Rechter Terror war vor dem NSU schon Alltag in Deutschland. Er richtet sich täglich gegen geflüchtete Menschen. Er richtet sich gegen alle, die von der weißen Mehrheitsgesellschaft als Andere gesehen werden. Die Betroffenen werden kaum gehört. Wir erinnern hier an die neun Opfer der rassistischen Mordserie des NSU. Wir trauern um alle Opfer rechter Gewalt. Wir fordern die Aufklärung des gesamten NSU-Komplexes!
Der Opfer zu Gedenken heißt, ihre Geschichten zu kennen. Das Leid ihrer Angehörigen zu kennen. Das heißt, Die Geschichte der Migration anzuerkennen; und die Geschichte des deutschen Rassismus und Rechtsterrorismus nicht zu leugnen.

Für eine Gesellschaft der Vielen

 

Gedenken an Mehmet Kubaşık in Gröpelingen

Mehmet Kubaşık wurde am 01. Mai 1966 in Hanobası im Süden der Türkei geboren. In seiner Jugend arbeitete er in der Landwirtschaft seines Vaters. Er heiratete seine Jugendliebe Elif. Als Mehmet 20 Jahre alt war kam die gemeinsame Tochter Gamze auf die Welt. Die Familie Kubaşık sind kurdische Aleviten. Als die politische Lage in der Türkei für sie zu bedrohlich wurde flohen sie 1991 nach Deutschland und ersuchten politisches Asyl in Dortmund. Nach einigen Jahren wurde dem Antrag stattgegeben. In Deutschland kamen dann, die zwei weiteren Söhne, Ergün und Mert,
zur Welt. Im Jahr 2003 nahmen alle Familienangehörigen die deutsche Staatsangehörigkeit an. In Dortmund arbeitete Mehmet Kubaşık zunächst in einem Großhandel für Obst- und Gemüse und später als Bauarbeiter. Nachdem er einen Schlaganfall überstanden hatte, beschloß er sich selbständig zu machen und eröffnete einen Kiosk in der Mallinckrodtstraße in der Dortmunder Nordstadt, den er zwei Jahre lang betrieb. Laut seine Tochter Gamze war der Kiosk zu dieser Zeit der Familienmittelpunkt. Continue reading