Zum Gedenken an Süleyman Taşköprü

Süleyman Taşköprü ist in Hamburg-Altona aufgewachsen und zur Schule gegangen. Er wurde Lebensmittelhändler und betrieb mit seiner Familie in der Schützenstraße in Bahrenfeld einen Laden. Er wünschte sich ein Ferienhaus in der Türkei und war Fan von Fenerbahçe Istanbul. Am 27. Juni 2001, heute vor 20 Jahren, wurde Süleyman in seinem Geschäft vom NSU ermordet. Er wurde 31 Jahre alt, seine Tochter war damals zwei Jahre alt.

Süleyman Taşköprü starb in den Armen seines Vaters. Der Vater, Ali, war es auch, der der Polizei sagte, dass die Mörder Deutsche waren. Er hatte sie noch mit einer Plastiktüte in der Hand aus dem Laden kommen sehen. Die Polizei interessierte das nicht. Wie in den anderen Städten, in denen der NSU mordete, wurde stattdessen das Mordopfer und seine Familie durch rassistische Verdächtigungen, erfundene Vorwürfe und Lügengeschichten jahrelang diskreditiert. Die Polizei ermittelte ausschließlich im familiären und migrantischen Umfeld des Opfers, ein rassistisches Tatmotiv wurde aber systematisch ausgeblendet. Die Hamburger Polizei nahm sogar die Dienste eines Mediums in Anspruch, das angeblich mit dem Geist des Opfers Kontakt aufnehmen wollte. Selbst das schien der Polizei erfolgversprechender, als den Angehörigen zuzuhören und ein rassistisches Motiv in Betracht zu ziehen. Die Hamburger Polizei stellte sich 2006 in den bundesweiten Ermittlungen zur NSU-Mordserie, dessen drittes Opfer Süleyman war, auch entschieden gegen eine Analyse, die rassistische Täter vermutete. Die Ermittlungen konzentrierten sich schließlich weiter auf rassistische Stereotype.

Vor einigen Jahren war der Bruder von Süleyman, Osman Taşköprü, bei einer Veranstaltung hier in Bremen. Er hat von den Ermittlungen und der Wirkung auf die Familie erzählt. Er hat gesagt: „Wir wurden direkt am Tag des Todes meines Bruders auf dem Polizeipräsidium vernommen, auch später immer wieder. Manche Vernehmungen haben zehn Stunden gedauert. Das war für uns alle als Familie nicht leicht. Dein Bruder oder Sohn ist gestorben und du wirst als Verdächtiger oder Beschuldigter behandelt.“

Die Eltern sagten nach der Selbstenttarnung des NSU, dass nicht nur ihr Sohn umgebracht worden ist, sie sind auch gestorben. Als sie um ihren Sohn trauerten, standen in den Zeitungen Geschichten über Schwarzgeld und die Mafia. Die Nachbar*innen, die Bekannten, die Freund*innen lasen diese Geschichten, viele glaubten sie. Der Rassismus der Ermittlungen, der Medien, der Rassismus der unsere Wahrnehmung prägt, er nahm der Familie auch ihr soziales Umfeld.

Die Stadt Hamburg verweigert bis heute die Aufklärung der Tat. Hamburg ist seit den 70er Jahren ein wichtiger Ort der Neonaziszene. Dort entstanden Konzepte des rechten Terrors. In den 80er Jahren ermordeten Neonazis in Hamburg mehrere Menschen, darunter Mehmet Kaymakçı und Ramazan Avcı. Die Hamburger Neonazis und die Mitglieder des NSU kannten sich und tauschten sich aus. Der NSU dankte es der Hamburger Szene im Jahr 2002 durch Spenden und Schreiben.

Der Hamburger Verfassungsschutz behauptet, es habe keine Verbindungen zwischen dem NSU und der örtlichen Neonaziszene gegeben, obwohl wir wissen, dass das nicht stimmen kann. Die Ermittlungen der Polizei wurden nicht aufgearbeitet. Als einziges Bundesland verweigert Hamburg bis heute einen Untersuchungsausschuss zum NSU. Wir fordern aber, die Fragen der Hinterbliebenen zu beantworten. Warum musste Süleyman sterben? Wer hat mitgeholfen, wer hat den Tatort ausgespäht? Diese Fragen wurden nicht beantwortet, auch der NSU-Prozess hat keine Antworten geliefert. Ich möchte dazu noch einmal Osman Taşköprü zitieren: „Eine Gesellschaft sollte sich nicht mit diesem Nichtwissen abfinden. Die Nazimörder waren es nicht alleine. Wir hoffen, dass mit dem Urteil kein Schlussstrich gesetzt wird. In den vergangenen Jahren konnten wir schon erleben, dass das Interesse am Verfahren sank. Mitgefühl für die Betroffenen, kam sowieso kaum auf. Die Taten scheinen so weit weg zu sein, als wäre das alles Vergangenheit. Doch hier wurde gemordet, hier haben Nazis meinen Bruder umgebracht. Die Polizei und die Medien haben Lügen über ihn verbreitet. Der damalige Innensenator Hamburgs, Michael Neumann, sicherte uns Aufklärung zu. Wo ist sie?“

Wir haben uns haben uns heute, 20 Jahre nach dem Mord an Süleyman Taşköprü versammelt, um an ihn zu erinnern. Wir denken auch an die Familie und ihren Schmerz. Wir denken an den Schmerz der Eltern, die ihren Sohn verloren, wir denken an den Schmerz von Osman Taşköprü, der seinen Bruder verlor, wir denken an den Schmerz der Tochter, die ihren Vater verlor und wir denken an den Schmerz der Frau, die ihren Mann verlor.

Und wir fordern. Wir fordern, ihre Fragen ernst zu nehmen und zu beantworten. Wir fordern, ihre Forderungen nach angemessenem Gedenken umzusetzen. Wir fordern einen Aufschrei gegen rechten Terror und dass die Opfer nie vergessen werden.