Zum Gedenken an Theodoros Boulgarides

Theodoros Boulgarides wurde am 11. Juni 1964 in Triandafyllia im Norden Griechenlands geboren. 1973 kommt er im Alter von neun Jahren mit seiner Familie nach München. Dort absolviert er sein Abitur und schließt eine Ausbildung zum Einzelhandelskaufmann ab. Er arbeitet jahrelang bei Siemens in der Mikrochipherstellung und später bei der Bahn als Fahrkartenkontrolleur.

Bei Siemens lernt er auch seine spätere Frau Yvonne kennen. Die Beziehung geht nach 20 Jahren zu Ende, beide sind aber weiterhin befreundet. Mit Yvonne bekommt er zwei Töchter. Anfang Juni 2005 eröffnet er im Münchner Stadtbezirk Westend zusammen mit einem Geschäftspartner einen Schlüsseldienst. In diesem Geschäft wird er am 15. Juni 2005 vom sogenannten NSU ermordet. Theodoros Boulgarides wurde 41 Jahre alt. Er war das siebte Mordopfer des NSU und starb nur wenige Tage nach İsmail Yaşar.
Heute hätte er seinen 58. Geburtstag feiern können.

Die Ermittlungen und Verhöre gegen die Familie Boulgarides beginnen schon am Tag nach dem Mord: Theodoros‘ Bruder – Gavriil Boulgarides – wird von der Polizei immer wieder nach einer angeblichen Spielsucht oder Schulden gefragt. Yvonne Boulgarides wird verdächtigt, den Mord in Auftrag gegeben zu haben und die beiden Töchter werden gefragt, ob ihr Vater sie sexuell missbraucht habe. Und auch der Mitinhaber des Schlüsseldienstes wird immer wieder gefragt, ob Theodoros Boulgarides „sex- oder spielsüchtig“ gewesen sei.

Als Gavriil Boulgarides in seiner Vernehmung im Januar 2006 auf die Frage nach einem Verdacht oder einer Vermutung zum Tatmotiv sagt, dass er denke, dass da ein „ausgetickter Typ“ unterwegs sei, der „Ausländer umbringe“, gehen die Polizeibeamten nicht darauf ein und fragen auch nicht weiter nach.

Stattdessen betreiben sie einen enormen Aufwand, um ihre These, der Mord an Theodoros Boulgarides habe irgendetwas mit organisierter Kriminalität zu tun, zu bestätigen: Im Laufe der Ermittlungen werden um die 900 türkische oder als türkisch gelesene Kleingewerbetreibende persönlich aufgesucht, um zu Hinweisen zu gelangen. Im Gegensatz dazu werden nur neun sogenannte „Gefährderansprachen“ im Bereich rechter Netzwerke durchgeführt, von denen man nicht ernsthaft erwarten konnte, sinnvolle Hinweise zu bekommen.
Die rassistischen Ermittlungen der Polizei haben auch Auswirkungen auf das restliche Leben der Hinterbliebenen: Yvonne Boulgarides verliert ihren Job, da ihr Chef glaubt, man könnte ihrer Familie nicht mehr trauen. Sie findet nur schwer einen neuen.

2011 – ein halbes Jahr vor der Selbstenttarnung des NSU – will Yvonne Boulgarides noch einmal in die Akten schauen, sie will nochmals versuchen, die Vorwürfe gegen ihren Ex-Mann nachzuvollziehen.
Sie beauftragt den jungen Anwalt Yavuz Narin, der für sie Akteineinsicht bei der Polizei beantragt. Noch am Abend steht ein Polizist vor ihrer Tür und fragt: wer der Türke sei und woher sie ihn kenne?

Für Gavriil Boulgarides wird das tägliche Leben in München nach dem Mord unerträglich. Die Familie wird von allen Verwandten, Freunden und Bekannten ausgegrenzt. Niemand will mehr Kontakt mit ihnen. Selbst innerhalb der Familie gibt es Probleme. Es herrscht Misstrauen, Verzweiflung, Fassungslosigkeit. Die Familie wird isoliert, ihr gesellschaftliches Umfeld bricht weg. Im Jahr 2009 – vier Jahre nach dem Mord an seinem Bruder – entscheidet sich Gavriil Boulgarides mit seiner Familie zurück nach Griechenland zu gehen, nachdem er den größten Teil seines Lebens – 37 Jahre – in Deutschland gelebt hat. Aber in Zeiten der Finanzkrise ist es nicht leicht in Griechenland Fuß zu fassen. Nach zweieinhalb Jahren – der NSU hat sich inzwischen selbst enttarnt – ziehen er und seine Frau wieder zurück nach München, wo sie mit Hilfe eines Freundes wieder eine Wohnung und Arbeitsplätze finden.

Von der Selbstenttarnung des NSU erfährt Yvonne Boulgarides nicht von der Polizei, sondern von einer Bekannten. Ein paar Tage später ruft der zuständige Polizeibeamte an und will mit ihr Kaffee trinken. Sie lehnt ab. Dann kommt eine Einladung vom Bundespräsidialamt: »Liebe Familie Boulgarides«, steht da, »wir bedauern den Tod Ihres Bruders.« Obendrein wird Yvonne Boulgarides, die in Deutschland geboren ist, ein Übersetzer angeboten.
Sie geht nicht zum Bundespräsidenten und auch nicht zur offiziellen Gedenkfeier für die Opfer. Zum Auftakt des NSU-Prozesses 2013 in München hält Yvonne Boulgarides eine Rede.
Sie ist immer noch fassungslos „über den Hergang dieser widerwärtigen Verbrechen und die (…) noch immer rätselhaft unzulängliche Aufklärung“ sagt sie. Sie sagt auch: „Ich wünschte, alle autorisierten Stellen würden mit Nachdruck dafür sorgen, dass die zur lückenlosen Wahrheitsfindung benötigten Fakten und Beweise zur Verfügung gestellt werden würden. Nur so können die (…) engagiert arbeitenden Mitglieder der Untersuchungsausschüsse – insbesondere des Bundestages –ihre Arbeit zu einem erfolgreichen Abschluss führen.

Heute, neun Jahre später, 17 Jahre nach dem Mord an Theodoros Boulgarides ist diese Forderung noch immer nicht erfüllt worden.
Wie die anderen Opferfamilien wartet auch die Familie Boulgarides bis heute auf die lückenlose Aufklärung des NSU-Komplexes. Sie fragen sich: “Warum musste ihr Mann, Bruder und Vater sterben, warum ist er als Opfer ausgewählt worden, warum ist dieser Ort für die Tat ausgewählt worden und auch, warum ist diese Mordserie nicht schon viel früher gestoppt worden?“