Zum Gedenken an İsmail Yaşar

Am 9. Juni 2005 wurde İsmail Yaşar als sechstes Opfer vom NSU durch fünf Schüsse in Kopf und Oberkörper in seinem Imbiss an der Scharrer-Straße in Nürnberg hingerichtet. Ismail Yaşar lebte seit 1978 in Deutschland, er wurde als Kurde in der Türkei verfolgt und erhielt deshalb mit 23 Jahren Asyl. Freunde beschrieben ihn als einen Menschen, der lieber zuhörte als zu reden.

Ismail Yaşar war Schweißer, arbeitete in verschiedenen Nürnberger Betrieben, bis er sich 1999 mit dem Imbiss in der Scharrer-Straße selbstständig machte. Hier versorgte er die Schüler*innen der nahegelegenen Scharrer-Schule, die auch sein Sohn besuchte. Nur wenige Tage nach dem Attentat hätte İsmail Yaşar sich nach 27 Jahren Arbeit zur Ruhe setzen wollen, vielleicht in der Türkei, in seinem Geburtsort Suruc. Der Terror des NSU verhinderte das. Ismail Yasar wurde 50 Jahre alt. Er hinterließ eine Tochter und einen Sohn.

Als der fünfzehnjährige Kerem Yaşar seinen Vater in der Mittagspause an seinem Arbeitsplatz besuchen wollte, empfing ihn ein Polizist mit den Worten „Ihr Vater ist tot” und nahm ihn zum Verhör mit auf die Polizeiwache. Kerem musste Fingerabdrücke und DNA-Proben abgeben, seine Mitschüler*innen wurden verhört, Drogenspürhunde durch den Imbiss geführt. Selbst die eingefrorenen Dönerspieße wurden nach Spuren von Betäubungsmitteln untersucht.

Bis heute vermeidet Kerem, der ein Jahr später die Schule abgeschlossen hat, aus Schmerz jedes Gespräch über seinen Vater. Er hat in einem Interview gesagt, „bevor das passierte, habe ich mich eigentlich nie als Ausländer gefühlt.” Aber jetzt sagt er, spürt man, „dass die Menschen einen hier nicht wollen als Ausländer.” Diesen Rassismus spüren viele Opfer rassistischer Gewalt, es ist der Rassismus, der den NSU, die Polizei, die Medien und uns als weiße Mehrheitsgesellschaft verbindet.

Es ist der Rassismus, der die Ermittlungen der Polizei prägt und den Terror des NSU fortsetzt. Denn der Mordfall ist bemerkenswert gut dokumentiert: Viele Zeug*innen sahen die Täter auf dem Weg zur Tat und am Tatort. Sie wurden von der Polizei nicht ernst genommen. Als eine Zeugin später einen der Radfahrer auf einem Überwachungsvideo vom Anschlag auf die Kölner Keupstraße wiedererkannte, schwächte die Polizei ihre Aussage eigenmächtig ab und verfolgte diese Spur nicht weiter. Der Imbiss von İsmail Yaşar wurde durch die Polizei monatelang versiegelt, während seine Frau gezwungen wurde, weiter die Miete zu bezahlen und sich zu verschulden. Zeitweise betrieb die Polizei Yasars Imbiss eigenständig weiter, in der Hoffnung so neue Erkenntnisse zu gewinnen.

Die Soko „Halbmond” der Nürnberger Kripo und die später eingerichtete Besondere Aufbau Organisation (BOA) „Bosporus” vermuteten Verbindungen des Opfers zu türkischen Drogenhändlern aus den Niederlanden. Auch Motive im familiären, im politischen sowie im religiösen Bereich wurden intensiv geprüft, ebenso wie Schutzgeld-Erpressung und Glücksspiel-Schulden. In ihrem unbeirrbaren Glauben an das Täterbild krimineller Ausländer unternahm die Polizei großangelegte Abhöraktionen und Observationen. Um eine Schutzgelderpressung zu provozieren verlegte sich die Ermittlungsgruppe absurderweise zeitweise sogar auf den Aufbau von Dönerständen. Sie befragte etwa 900 türkische Gewerbetreibende und Mitglieder des kurdischen Kulturvereins, in dem Yasar Kassenwart war. Dagegen führte die Polizei ganze neun Gefährderansprachen bei Nazis durch. Gefährderansprachen aber sind nicht mal Befragungen, das sind keine Ermittlungen gegen rechts oder nur die Erwägung einer rechten Tat. Wer sich bei den Ansprachen nicht kooperativ zeigte, wurde in Ruhe gelassen. Weitere Ermittlungen blieben aus und so wurde die Spur in die rechte Szene geschlossen. Auch die Presse berichtete von Drogennetzwerken und berief sich auf eine Aussage der Polizei, ein rechter, rassistischer Hintergrund sei ausgeschlossen, stattdessen suche man eine Bande, die „aus den Bergen Anatoliens” herausoperiere. Eine Nürnberger Zeitung prägte den rassistischen Begriff der „Dönermorde“.

Verdeckte Ermittler griffen „massiv in die Persönlichkeitsrechte der Angehörigen der Opfer” ein, wie der NSU-Untersuchungsausschuss des bayerischen Landtags im Juli 2013 feststellte. Das Tatmotiv Rassismus konnte nur von einer rassistischen Polizei ausgeschlossen werden.

Deshalb erinnern wir an İsmail Yaşar: Aus der Türkei vor Verfolgung geflohen, in Deutschland von Nazis ermordet, seine Angehörigen von Polizei, Presse und Gesellschaft kriminalisiert und verfolgt.