Zum Gedenken an Mehmet Turgut, Delmemarkt 25.2.2021

Diese Rede ist zum Gedenken an Mehmet Turgut bei der Gedenkkundgebung auf dem Delmemarkt gehalten worden. Die Polizei ist bei unseren Kundgebungen mal abwesend, mal mit mehreren Wannen präsent. Diesmal hatten wir Begleitung durch mehrere Wannen. Die Einschüchterung von Teilnehmenden einer Gedenkkundgebung für Opfer neonazistischen Terrors werten wir als fortsetzung des polizeilichen Rassismus im NSU-Komplex.

Die Rede zum Gedenken an Mehmet Turgut:

Wir wollen heute an Mehmet Turgut erinnern, der am 25. Februar 2004, heute vor 17 Jahren, vom selbsternannten „Nationalsozialistischen Untergrund“, dem NSU, ermordet wurde. Mehmet Turgut wurde am 02. Mai 1977 in der Türkei geboren. Als Kurde wurde er in der Türkei verfolgt und so kam er schließlich nach Deutschland und lebte und arbeitete in Hamburg. Mehmet Turgut versuchte über zehn Jahre lang, in Deutschland eine neue Heimat zu finden und bei seiner Familie leben zu können. Über zehn Jahre lang wurde sein Asylgesuch trotz der Verfolgung in der Türkei abgelehnt, er wurde mehrfach abgeschoben, aber konnte immer wieder zurückkehren.

Heute vor 17 Jahren besuchte er einen Freund in Rostock und wollte ihm bei der Arbeit helfen. Er schloss am Morgen des 25. Februar 2004 den Laden “Mr. Kebab Grill” seines Freundes in Rostock-Toitenwinkel auf. Dort wurde er am Vormittag vom NSU mit drei Schüssen ermordet. Mehmet Turgut wurde 25 Jahre alt.
Was folgte, war ein Albtraum für die Familie. Die Polizei vermutete wie bei den anderen Opfern, Familienkonflikte, vermutete Kontakte zu Drogenhandel und suchte nach Spuren ins kriminelle Milieu, ja, sie verdächtigte sogar die Hinterbliebenen, ohne dass es eine Spur gab. Die Polizei flog schließlich in die Türkei und suchte dort Familie und Bekannte Mehmets heim. Mit der Familie selbst sprach die Polizei nicht und nahm sie nicht ernst, die Polizei stritt die Möglichkeit einer rassistischen Mordserie ab. Das soziale Umfeld der Familie wurde so gründlich zerstört, dass sie umziehen musste. Die Hinterbliebenen nennen das den „Anschlag nach dem Anschlag“, verübt von rassistischen Behörden, verübt von einer rassistischen Gesellschaft, die nur zu gern die rassistische Erzählung von den sogenannten „Döner-Morden“ glaubte. Der Rassismus der neonazistischen Täter*innen wurde fortgesetzt – von deutschen Behörden, von deutschen Medien, von der weißen Dominanz Gesellschaft.

Erst 2011 enttarnte sich der NSU und offenbarte die wahren Täter*innen. Ein neonazistisches Terrornetzwerk, durchsetzt von Informanten der Polizei und V-Leuten des Verfassungsschutzes. Sie alle hatten die existenz rassistischer Gewalt und rechten Terrors immer geleugnet. Seitdem wissen wir sicher: der Verfassungsschutz ist enger mit den Täter*innen verflochten, als viele bis heute wahr haben wollen. Auch deshalb sagen wir: Verfassungsschutz abschaffen!

Der NSU-Untersuchunggsausschuss in Mecklenburg- Vorpommern, welcher erst 2017 gegründet wurde, also mehr als sechs Jahre nach der Enttarnung des NSU, wird im April diesen Jahres eingestellt. Jedoch hat der Ausschus bis zu diesem Zeitpunkt die wichtigsten Fragen um den Mord an Mehmet Turgut nicht im Ansatz aufgeklärt oder sich diese überhaupt gestellt. Der Ausschuss scheint eher der Imagpflege von Mecklenburg-Vorpommern zu dienen, während sich das Innenministerium von MV aktiv gegen die Aufklärung stellt.

Wir Gedenken heute Mehmet Turgut, so wie wir alle Opfer rassistischer Gewalt in Erinnerung behalten wollen. Kein vergeben den Behörden, kein Vergessen den Opfern. Und so gedenken wir auch den anderen Opfern der rassistischen Mordserie des NSU:

Enver Şimşek

Abdurrahim Özüdoğru

Süleyman Taşköprü

Habil Kılıç

İsmail Yaşar

Theodoros Boulgarides

Mehmet Kubaşık und

Halit Yozgat

Kein Vergessen – Kein Schlussstrich!